Die tapfere Frau mit der grossen Bürde

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Ich betreue seit Jahren eine wunderbare Frau, die mit eines der tragischsten Schicksale trägt, welches ich als Arzt jemals begleiten durfte. Vor vielen Jahren erkrankte ihr Mann an einem unheilbaren Krebsleiden. Die kleine Familie, sie und ihre Tochter – damals ein Teenager – kümmerten sich rührend und bestmöglich um ihn. Leider verstarb er trotz aller Bemühungen sehr jung noch vor seinem 40. Lebensjahr und wurde von seiner schlimmen Erkrankung erlöst.

Diese kleine, sich derart liebende Familie wurde durch diesen Schicksalsschlag stark getroffen – insbesondere die junge Tochter, die ihres Vaters beraubt wurde. Sie konnte den Verlust ihres geliebten Vaters nicht verkraften, verfiel in Depression und wählte schliesslich den Freitod durch Erhängen. Meine Patientin kam nach Hause und erblickte ihre im Eingangsbereich hängende Tochter, die erst einige Minuten zuvor verstorben war. Solch ein Trauma prägt sich für immer im Gedächtnis ein – bereits beim Erzählen der Geschichte und der Vorstellung an diesen unglaublichen Verlust von zwei geliebten Menschen innerhalb kürzester Zeit überkommt mich das Gefühl von Ohnmacht.

Noch heute trägt sie fast nur noch schwarze Kleidung in ihrer Trauer und kann nicht ohne Albträume schlafen. Sie ist ein wunderbarer Mensch, der es auch jetzt noch schafft, Liebe zu geben, obwohl sie selbst nachvollziehbarerweise fast keine Freude mehr am Leben verspürt. Am glücklichsten erscheint sie mir, wenn sie von der Erlösung von dieser Erde spricht und sie sich vorstellt, endlich wieder bei ihrer Familie sein zu können.

Ich bin in diesen Momenten genauso sprachlos wie machtlos. So gerne würde ich diese Bürde von ihr nehmen, aber dafür wird es keinen Weg geben. Natürlich gibt es körperliche und seelische Behandlungswege, die ich als ihr Hausarzt einleiten kann. Allerdings wird keiner dieser Wege ihr Schicksal von Grund auf ändern – geschweige denn ihre geliebte Tochter und ihren geliebten Ehemann zurückbringen. Ich kann Menschen verstehen, die für immer durch ihre Verluste, Schicksale und Traumata gezeichnet sind und somit an Lebensfreude verlieren. Manche Narben verheilen nicht und – selbst wenn doch – erinnern sie uns tagtäglich an das schmerzhafte Erlebnis. 

Es bleibt an uns als Ärzte, Therapeuten, Pfleger und Gesundheitspersonal,  Menschen mit einem solchen Schicksal Momente der Erleichterung zu verschaffen, in welchen sie die Last ihres Lebens nicht spüren. Dies geht nur mit Menschlichkeit und Feingefühl. Ich empfinde das als extremes Privileg und auch als Regulativ in meiner eigenen Wahrnehmung.

Was können wir in der Medizin tun? Nun, ich frage mich, ob wir nicht viel früher auf die Angehörigen schauen müssen, ihnen das «passende Coping» darlegen oder enger in der «Nachbetreuung» sein sollten. Es ist paradox für mich, dass Liebe zum Freitod führt. Liebe kann Kraft schenken, aber sie auch vollständig nehmen bis hin zur Sinnlosigkeit des eigenen Lebens.

Ich bewundere meine Patientin für ihren Mut, trotz aller Widrigkeiten weiter zu leben! Sie ist mir – auf Ihre Art – ein unglaubliches Vorbild!

Dr. Robert Klingl

Dr. Robert Klingl

Facharzt für Allgemeine Innere Medizin und Chief Medical Officer (MED4LIFE)

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