Die menschliche Haut ist als grösstes und schwerstes Organ und als direkte Abgrenzung zur Aussenwelt enorm vielen Einflüssen ausgesetzt. Was die Haut alles für uns leistet, wird oft erst klar, wenn etwas schief geht. Die Hauterkrankungen reichen dabei von Verbrennungen über genetische Erkrankungen bis zur Besetzung von Parasiten. In diesem Artikel jedoch liegt der Fokus auf dem Schutz der Haut insbesondere durch Sonnencremes in Bezug auf Sonnenbrände.

Der Sonnenbrand stellt im Sommer die häufigste Hauterkrankung dar. Oftmals werden Sonnenbrände etwas leichtfertig abgehandelt, doch das Hautkrebsrisiko und das vorzeitige Altern der Haut steigen bei regelmässigen Sonnenbränden massiv an. Dem ist so, weil die UV-Strahlen (das sind Strahlen, die etwas kurzwelliger sind als die für uns sichtbaren Lichtwellen) nicht nur die stark regenerierbare Epidermis, sondern auch die Dermis schädigen. Die Strahlenschäden der Dermis addieren sich über die Zeit. Das heisst das also, dass die Schäden durch einen einzelnen Sonnenbrand nicht beseitigt sind, wenn der Sonnenbrand von aussen nicht mehr sichtbar ist.

Der Hauttyp ist ein wichtiger Faktor bei Sonnenbränden. Es gibt vier Hauttypen, wobei sich die Eigenschutzzeit je nach Typ von fünf auf 30 Minuten erhöht. Hauttyp 1 entspricht rothaarigen und blonden Personen mit heller Haut. Personen mit gebräunter Haut und dunklen Haaren besitzen den Hauttyp 4. Der Glaube, dass sich Hautschäden durch UV-Strahlen nur bei starker Sonnenexposition ausbilden, ist leider falsch. Die UV-Bestrahlung der Haut kann bei bewölktem Wetter und tiefer Luftfeuchtigkeit sogar höher sein als bei strahlender Sonne!

Daher ist der Begriff «Sonnencreme» eigentlich fehlleitend. Er suggeriert, dass dieser Schutz nur bei starker Sonnenexposition nötig ist. Doch nicht nur Sonnencremes dienen als präventive Schutzfaktoren vor Sonnenbränden. Alleine das Meiden der bei Sonnenschein massivsten UV-Strahlung zur Mittagszeit hat einen sehr positiven Effekt. Lange Kleider und ein Sonnenhut bilden weitere Schutzfaktoren für die Haut. Besondere Vorsicht ist beim Aufenthalt im Wasser geboten. Messungen haben ergeben, dass in einem Meter Tiefe noch ungefähr zwei Drittel der UV-Strahlung von ausserhalb des Wassers vorhanden sind. Das Eincremen muss nach einem Aufenthalt im Wasser unbedingt wiederholt werden, da die Crème gewissermassen ausgewaschen wird.

Exponierte Stellen sollten mindestens einmal täglich mit hohem Lichtschutzfaktor eingecremt werden. Doch wie funktioniert eine Sonnencreme nun überhaupt? Molekular besteht eine Sonnencreme aus Substanzen, welche die Funktion eines UV-Filters übernehmen, und fetthaltigen Substanzen, welche das Eindringen in die Haut erleichtern. Der Lichtschutzfaktor geht einher mit der Konzentration der UV-Filtersubstanzen in einer Sonnencreme. Bezüglich des Lichtschutzfaktors gibt es einen weiteren verbreiteten Irrglauben: Dieser hat nichts mit der Umgebungstemperatur zu tun! Es wäre also falsch, bei 20°C Aussentemperatur davon auszugehen, dass eine Sonnencreme mit Lichtschutzfaktor 20 ausreicht. Der Lichtschutzfaktor ist vielmehr ein mathematischer Faktor. Er gibt an, wievielmal länger die Haut vor UV-Bestrahlung geschützt ist als durch die Eigenschutzzeit.

Eine Person mit Hauttyp 1 hat eine Eigenschutzzeit von 5-10 Minuten. Wenn sie sich mit Sonnencreme des Lichtschutzfaktors 50 eincremt, beträgt ihre Schutzzeit 5min Eigenschutzzeit x 50 = 250min. Eine dunkelhaarige bereits gebräunte Person hätte mit Eigenschutzzeit und Sonnencreme eine entsprechend längere Schutzzeit. Wichtig ist, dass diese Rechnung nur gilt, solange die Haut nicht nass wird. Starkes Schwitzen und insbesondere Baden verringern die Schutzzeit massiv.

Es gibt natürlich noch viele weitere Hauterkrankungen. Bei Hauterkrankungen lohnt es sich, verhältnismässig früh eine Ärztin oder einen Arzt aufzusuchen, da sie oftmals ansteckend sind. Die hohe Übertragbarkeitsrate von Hauterkrankungen lässt sich einfach erklären. Weil die Haut unsere Grenze zur Aussenwelt bildet, sind Übertragungen durch Körperkontakt sehr einfach. Bei einer parasitären Besiedlung der Haut (z.B. Milben) ist nicht einmal Körperkontakt nötig. Dort kann auch eine Übertragung über Textilien geschehen. Der Sonnenbrand ist und bleibt jedoch die häufigste Hauterkrankung. Es lohnt sich also, diesem vorzubeugen.

Jil Toman

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Student Humanmedizin
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Die Niere ist ein bilateral angelegtes retroperitoneal gelegenes Organ, das tagtäglich sehr wichtige Funktionen ausübt. Retroperitoneal bedeutet, dass es mit der hinteren Bauchwand verwachsen ist. Die Niere hat also anatomische Beziehung zur Wirbelsäule und zur Aorta. Sie ist unter anderem aufgrund ihrer hohen Durchblutungsrate massiv umhüllt. Die Nierenhüllen bestehen aus fünf Schichten. Diese unterscheiden sich stark voneinander. Wichtig ist, dass es bindegewebige (fibröse) und fetthaltige Schichten gibt. Die hohe Durchblutungsrate kommt daher, dass die Niere das Blut reinigt und daraus den Urin generiert (mehr zum Blutkreislauf in den Artikeln Anatomie des Herzens und Physiologie des Herzens) . Um die Durchblutungsrate in einen Kontext zu setzen ein paar Zahlen: Die Niere erhält über 20% des Herzminutenvolumens, das entspricht ungefähr einem Liter pro Minute. Das ist erstaunlich, wenn man bedenkt, dass die Nieren mit je ungefähr 200 Gramm weniger als 1% des Körpergewichts ausmachen! Die Hauptfunktion der Niere besteht darin, das Blut zu filtrieren. Diese Filtrationsprozesse sind beeindruckend, denn die Nieren filtrieren täglich Blut in einer Menge vom Dreifachen des Körpergewichts: ungefähr 180-200 Liter! Somit werden pro Minute ca. 120ml Primärharn aus dem Plasma gebildet.

Die funktionelle Einheit der Niere heisst Nephron. Eine Niere besteht aus rund einer Million Nephronen. Das Nephron besteht grob aus einem Glomerolus und einem Röhrensystem, dem sogenannten Tubulussystem, das dem Herausfiltrieren von möglichst viel Flüssigkeit dient. Die Widerständsgefässe unseres Körpers, sogenannte Arteriolen, können einen hohen Druck generieren. Sie sind in der Regel den Kapillaren vorgeschaltet. Dort in den Kapillaren findet die Filtration statt. Nach den Kapillaren folgt in der Regel eine Venole, die einen tiefen Druck besitzt. Bei der Niere hingegen folgt nach der Kapillare eine zweite Arteriole. Man spricht von der afferenten und der efferenten Arteriole. Dies bewirkt, dass in der Kapillare ein hoher Druck herrscht. Durch diesen sehr hohen Kapillardruck wird die Filtration überhaupt erst ermöglicht. Die herausgefilterte Flüssigkeit wird in einer Kapsel (im Bild violett dargestellt) gesammelt und dann am Harnpol in den Tubulus übergeleitet. Das Bild zeigt die Niere makroskopisch und rechts seine funktionelle Einheit, das Nephron. Mehrere Nephrone münden in das sogenannte Sammelrohr. Beim Glomerolus (violett) sieht man rot gefärbt die afferente und die efferente Arteriole.

Niere

Doch was wird überhaupt aus dem Blut herausfiltriert? Anders formuliert bedeutet diese Frage: Woraus besteht der Primärharn? Es werden keine Zellen herausfiltriert und keine grossen Proteine! Was massiv filtriert werden Flüssigkeit, Ionen, kleine Proteine, Toxine und Glukose. Wenn man sich noch einmal die 180 Liter Filtration vorstellt, kommt die Frage auf, was damit passiert. Wir urinieren ja bekanntlich nicht 180 Liter pro Tag. Von diesem Primärharn der im Glomerolus herausfiltriert wurde, werden mehr als 99% wieder reabsorbiert, gelangen also wieder zurück ins Blut. Das Volumen des Endharns, das ist das Volumen, das wir dann auch wirklich als Urin ausscheiden, beträgt somit für einen Tag noch etwa 0.3 – 1.5 Liter. Die Toxine sind es, die der Körper primär ausscheiden will, daher werden sie nicht wieder reabsorbiert. Glukose hingegen hat im Endharn nichts zu suchen. Sie wird daher zu fast 100% wieder reabsorbiert. Da ein Glukosemolekül aber sehr klein ist, kann das Nephron das Herausfiltrieren der Glukose nicht vermeiden.

Die Reabsorption findet entlang des Röhrensystems statt. Insbesondere im ersten Abschnitt nach dem Glomerolus, dem sogenannten proximalen Tubulus, werden schon zwei Drittel des Volumens reabsorbiert. Dort erfolgt auch eine Reabsorption von Salzen und diese Reabsorption zieht im Rahmen der Osmose Flüssigkeit nach. Osmose beschreibt den Konzentrationsausgleich durch die Diffusion von Wasser. Wenn also die Salzkonzentration im Blut durch die Reabsorption höher ist als diejenige im Primärharn, fliesst Wasser nach, um die Salzkonzentration auszugleichen. Dieses einfache Prinzip beschreibt unsere Blutdruckregulation! Das heisst, dass der Blutdruck primär über das Volumen reguliert wird. Findet eine verstärkte Salzreabsorption statt, resultiert aufgrund der Osmose von Wasser auch mehr Blutvolumen. Ein erhöhtes Blutvolumen bedeutet einen erhöhten Blutdruck.

Daher setzen enorm viele blutdrucksenkende Medikamente an diesen Reabsorptionsprozessen von Salzen an. Sie blockieren die Reabsorption von Salzen an einem spezifischen Ort im Tubulussystem. Als grobe Tendenz nimmt die Salzreabsorption im Verlauf des Tubulussystems ab. Dabei gibt es verschiedene Reabsorptionsmechanismen. Das erlaubt das Einsetzen von verschiedenen Medikamenten. Bei einem Blutdruck, der nur leicht erhöht ist, wird also eher auf ein Medikament gesetzt, das im Tubulussystem erst spät die Salzreabsorption inhibiert und dadurch keinen massiven Effekt hat. Noch besser ist es jedoch (wenn der Blutdruck nicht massiv erhöht ist), den Blutdruck genau zu beobachten und mit kleineren Lebensstilanpassungen zu senken. Denn das ist nachhaltiger, kostengünstiger und verfolgt einen präventiven Ansatz. Gerade weil der Bluthochdruck so häufig vorkommt in unseren Breitenkreisen, gibt es für gewisse Patient*innen auch einen psychischen Vorteil, wenn sie für ihre Blutdrucksenkung nicht auf Medikamente angewiesen sind. Wenn der Blutdruck jedoch über längere Zeit massiv erhöht ist, liegt es auf der Hand, dass Medikamente benötigt werden. Dann sollte man über eine Kombinationstherapie mit Medikamenten und Lebensstilanpassungen nachdenken.

Quelle

Bild 1: Querschnitt durch die Niere und Nephron. https://www.nierenforschung.de/index.php/fuseaction/ (zuletzt am 30.04.2022 um 11:30)

Jil Toman

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Die westliche Bevölkerung hat sich in den letzten Generationen zunehmend von einer Stehkultur hin zu einer Sitzkultur bewegt. Der menschliche Körper ist jedoch evolutionär nicht darauf ausgerichtet, den ganzen Tag zu sitzen. Zudem ist die evolutionäre Entwicklung zu langsam, als dass sie mit unserer rapiden Verhaltensänderung weg vom Stehen und hin zum Sitzen mithalten könnte. In der Schule und in jeglichen Büros wird der gesamte Tag im Sitzen verbracht. Was man machen kann, dass dies keine Folgeschäden hervorruft, ist Thema dieses Artikels.

Die Schäden manifestieren sich natürlich in aller Regel am Rücken, aber auch das Gesäss, kann betroffen sein. Eigentlich sind es nur zwei Hauptkomponenten, die beachtet werden müssen, um körperliche Schäden durch das Sitzen zu vermeiden. Die erste Hauptkomponente bildet die Körperhaltung. Sie ist der absolut wichtigste Faktor, um sitzbedingten Rückenschmerzen vorzubeugen. Eine korrekte Sitzhaltung sieht folgendermassen aus: Die Knie machen einen 80-90° Winkel. Die Füsse sind flach auf dem Boden. Viele vernachlässigen die Beine und denken, dass dies keinen Einfluss auf den Rücken hat. Falls Sie bis anhin auch geglaubt haben, dass die Körperhaltung fast ausschliesslich den Rücken betrifft, versuchen Sie doch einmal Folgendes: Halten Sie die Position des Rückens beim Sitzen konstant und bringen Sie ihre Beine in deutlich verschiedene Positionen (natürliche Positionen, die Sie auch wirklich einnehmen würden). Sie können dann bei genauer Ausführung spüren, dass sich die Spannung der Haltungsmuskulatur im lumbalen Rückenbereich (das heisst im unteren Rückenbereich) verändert. Optimal ist diese Spannungsverteilung bei flach auf den Boden gesetzten Füssen.

Der Rücken selbst soll aufrecht sein und ohne Buckel im Lumbalbereich. Nun sind nebst den Beinen auch die Arme nicht zu vernachlässigen. Denn in den allermeisten Fällen befinden sich sitzende Personen an einem Tisch. Dabei sollten die Schultern locker hängen und der Ellbogen einen Winkel von ungefähr 90° bilden, um beispielsweise zu schreiben oder eine Tastatur zu bedienen. Die Körperhaltungsbestandteile sind also Beine — Rücken — Arme. Es bleibt jedoch ein weiteres Problem und das ist die Umgewöhnung hin zu einer korrekten Haltung.

Gerade wenn Sie von einer Fehlhaltung betroffen sind, ist die Umgewöhnungszeit ziemlich schwer, weil die Sitzhaltung oft dem Bewusstsein entzogen wird und man dann unbewusst in die alte Fehlhaltung zurückrutscht. Hierzu eine Methode, die Abhilfe schaffen soll: Legen Sie sich Zeiten fest, zu denen Sie sich Ihre Haltung ins Bewusstsein rufen und bei Bedarf adaptieren. Wenn Sie das beispielsweise als Art Ritual immer zur vollen Stunde machen, wird die korrekte Sitzhaltung irgendwann zur Routine. Für Schüler*innen bietet es sich zum Beispiel auch an, zu Beginn jeder Lektion bewusst auf die Sitzhaltung zu achten.

Die zweite Hauptkomponente, die Folgeschäden durch das Sitzen vorbeugen soll, ist sehr simpel: Sitzen Sie nicht zu lange am Stück. Einerseits ist es schlecht für die Haltung selbst, da die Haltungsmuskulatur im Rücken mit der Zeit an Spannung verliert. Andererseits verschlechtert sich als Nebeneffekt auch die Zirkulation, was sich negativ auf die Hirndurchblutung und somit auch auf die Konzentration auswirkt. Sie sollten mindestens einmal pro Stunde kurz aufstehen und die Gelenke der Extremitäten bewegen. Was auch hilft in diesen kurzen Sitzpausen, ist eine aktive Bewegung des Rückens. Das dient dazu, andere Muskeln als die Haltungsmuskulatur zu aktivieren, was zu einer Entspannung ebendieser Haltungsmuskulatur führt.

Wie eingangs erwähnt, betreffen durch das Sitzen hervorgerufene Probleme auch das Gesäss. Bei zu langem Sitzen können sich durch die Überbeanspruchung der Haut beispielsweise Ekzeme im Gesässbereich bilden. Die Haut wurde in dem Fall durch das Gewicht, das auf dieser Haut lastet, gewissermassen gequetscht. Wenn noch Reibung hinzukommt, beispielsweise durch leichte Bewegungen während des Sitzens, begünstigt dies Ekzeme noch weiter. Ekzeme im Gesässbereich sind einerseits lästig, aber andererseits auch hartnäckig. Denn das Sitzen lässt sich bei einer Person, die ihren Alltag gezwungenermassen hauptsächlich im Sitzen verbringt, kaum so reduzieren, dass es eine Abheilung des Ekzems begünstigen würde.

Abschliessend kann festgehalten werden, dass insbesondere die Körperhaltung extrem wichtig ist, um sitzbedingten Rückenschmerzen bereits präventiv keine Chance zu geben. Aber auch regelmässiges Aufstehen und Bewegen des Rückens begünstigen einen schmerzfreien Rücken, da der Rücken nicht zu lange in einer Position ausharren soll. Zuletzt darf nicht vergessen werden, dass auch das Gesäss sitzbedingte Probleme verursachen kann.

Jil Toman

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Bei der Fehlsichtigkeit gibt es zwei Hauptformen. Die Kurzssichtigkeit (Myopie) und die Weitsichtigkeit (Hyperopie). Dabei ist die Kurzsichtigkeit deutlich häufiger, was vor allem mit unserer Lebensform zu tun hat. Beide Fehlsichtigkeiten haben mit der Bulbuslänge (= Augapfellänge) zu tun. Diese stellt sich während der Entwicklung auf das Hauptsehen ein. Die heutige Gesellschaft ist stark auf Kurzsichtigkeit ausgerichtet (Schreiben, Computer etc.) und daher ist es nicht verwunderlich, dass die Myopie häufiger vorkommt. In der Schweiz sind mehr als die Hälfte aller Jugendlichen myop!

Oftmals sind die physiologischen Zusammenhänge bei der Myopie und Hyperopie etwas verwirrend, da sie genau gegenteilig sind. Bei der Myopie ist der Bulbus zu lang und die Sicht in die Weite bereitet Probleme. Die Strahlenbündel treffen sich, weil der Bulbus zu lang ist, schon vor der Netzhaut in einem Punkt, daher wird eine Streulinse benötigt, um den Strahlengang zu erweitern. Eine Streulinse hat negative Dioptrien. Sie erniedrigt die Brechkraft, sodass sich dieser Punkt, der sogenannte hintere Brennpunkt, auf die Retina verschiebt.Bei der Hyperopie hingegen ist alles genau umgekehrt. Der Bulbus ist also zu kurz und der Brennpunkt ist ohne Brille hinter der Retina, also zu weit hinten. Es wird eine Sammellinse benötigt, welche die Brechkraft erhöht. Diese Linse hat positive Dioptrien.

Linsen

Häufig bleibt die Hyperopie länger unentdeckt als die Myopie. Der Grund liegt darin, dass die Linse akkomodationsfähig ist. Die Brechkraft wird erhöht bei der Nahakkomodation (= Nahanpassung). Eine hyperope Person kann also ihre Hyperopie durch Nahakkomodation gewissermassen kompensieren. Das äussert sich auf Dauer jedoch oft durch Kopfschmerzen und Schwindel, da es sehr anstrengend ist, ständig auf Nahakkomodation umzustellen, vor allem wenn man eigentlich gar nicht in die Nähe sieht. Mit steigendem Alter zeigt sich ein weiteres Phänomen. Die sogenannte Presbyopie beschreibt eine verschlechterte, altersbedingte Akkomodationsfähigkeit. Sie tritt dadurch auf, dass mit steigendem Alter, das bedeutet in diesem Fall schon ab 40 Jahren und nicht erst im Seniorenalter, die Linse weniger elastisch wird.

Die Linse besteht grob aus einer Rinde und einem Kern. Beide Anteile bestehen aus Linsenfasern, wobei sich die neuen Linsenfasern immer aussen anlagern. Die ältesten Linsernfasern sind also im Kern zu finden. Der Kern ist wasserärmer und daher weniger elastisch. Ab 40 Jahren beginnt sich das Gleichgewicht zwischen Rinde und Kern in Richtung Kern zu verschieben. Ein Teil der Rinde degradiert also zunehmends und somit gehen mit der Zeit die neuen nachkommenden Linsenfasern, welche sich aussen anlagern, immer mehr verloren. Das hat zur Folge, dass die Linse zunehmends unelastisch wird. Eine unelastische Linse hat eine deutlich schlechtere Akkomodationsfähigkeit.

Die Presbyopie wird auch altersbedingte Weitsichtigkeit genannt. Denn durch die verlorene Akkomodationsfähigkeit bereitet insbesondere die Nahakkomodation Mühe. Das bedeutet, dass der Nahpunkt (das ist der den Augen nächste Punkt, an dem man scharf sieht) weiter in die Ferne rückt. Der Nahpunkt lässt sich einfach untersuchen, wenn man einen Text vor sich hat und immer näher an die Augen bewegt. Der Punkt an dem der Text verschwommen zu erscheinen beginnt ist der Nahpunkt. Bei jungen Erwachsenen kann dieser Nahpunkt weniger als zehn Zentimeter betragen. Mit 40 Jahren liegt der Nahpunkt ungefähr bei 25 Zentimetern. Das klingt absolut betrachtet nicht nach einem starken Unterschied, das ist jedoch die dreifache Distanz gegenüber einem jungen Erwachsenen!

Wie eingangs erwähnt, sind deutlich mehr Personen von der Myopie (Kurzsichtigkeit) als von der Hyperopie (Weitsichtigkeit) betroffen. Die Myopie war in Kombination mit einer Presbyopie lange ein echtes Problem, da davon betroffene Patient*innen kurz- und weitsichtig sind und dadurch sowohl in die Nähe als auch in die Ferne schlecht sehen. Das stellte die Ärzteschaft lange Zeit vor grosse Schwierigkeiten. Die zu beantwortende Frage war: Wie schafft man es, die Myopie und die altersbedingte Presbyopie gleichzeitig zu korrigieren? Es braucht also eine Brille, die gleichzeitig Kurzsichtigkeit und Weitsichtigkeit korrigieren kann. Die Erfindung der sogenannten Gleitsichtbrille löste dieses Problem. Für die Myopie wird eine negative Dioptrie benötigt, weil der Bulbus zu lang ist. Für die Presbyopie wir eine positive Dioptrie benötigt, um in die Nähe sehen zu können (die erhöhte Brechkraft ging ja verloren und der Nahpunkt hat sich vom Auge weg verschoben). Gleitsichtbrillen sind für viele sehr gewöhnungsbedürftig, da es verschiedene Zonen für die verschiedenen Fehlsichtigkeiten gibt. Zum Lesen muss beispielsweise durch den unteren Bereich der Gleitsichtbrille geschaut werden. Dagegen korrigiert die Gleitsichtbrille in der Regel im oberen Bereich die Myopie.

Gleitsichtbrille
Jil Toman

Jil Toman

Student Humanmedizin
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Die Tage werden wieder länger und wärmer. Menschen füllen die Parks und Strassencafés. Farbige Bäume und Wiesen schmücken die Landschaft. Der Frühling ist da und auch der Sommer ist schon nah. Das Leben spielt sich wieder vermehrt draussen ab. Doch für etwa 20% der Bevölkerung startet auch die jährliche Heuschnupfensaison. Der Pollenflug wird beeinflusst durch die Wetterlage. Der Klimawandel und die damit erhöhten Temperaturen fördern das Blühen der Pollen (MeteoSchweiz, 2022).

Es gibt viele verschieden Pollenarten. In der Schweiz sind die folgenden sechs für den Grossteil der Pollenallergien verantwortlich: Gräser-, Birken-, Eschen-, Hasel-, Erlen- und Beifusspollen (MeteoSchweiz, 2017). Die ausgelösten Symptome sind vielfältig und unterschiedlich stark ausgeprägt, von juckenden Augen, über eine konstant laufende und verstopfte Nase bis hin zu Asthma und einer generellen Müdigkeit. Was passiert in unserem Körper bei einer solchen Allergie? Wenn wir einmal darunter leiden, werden wir immer darunter leiden? Welche Möglichkeiten haben wir zur Bekämpfung der Symptome?

Um Pollenallergien zu verstehen, ist es wichtig, sich einen Überblick über das Immunsystem zu verschaffen. Dieses ist jedoch sehr komplex. Im Folgenden soll nur umrissen werden, was für das Grundverständnis von Allergien relevant ist. Das Immunsystem besteht aus einem angeborenen (= innaten) und einem erworbenen/adaptiven Teil. Bei einer allergischen Antwort beispielsweise auf Gräserpollen spielen die beiden Anteile zusammen. Eine der Aufgaben unseres Immunsystems ist die Abwehr von für uns schädlichen Stoffen. Unser Immunsystem hat die Fähigkeit, diese über verschiedene Mechanismen zu erkennen und zu bekämpfen. Bei Allergien, so auch bei Pollenallergien, wird das Immunsystem unnötig aktiv. Stoffe werden als gefährlich und fremd markiert, die unserem Körper eigentlich gar nicht schaden. Eine Allergie wird wie folgt definiert: «Bei einer Allergie handelt es sich um eine überschießende, spezifische Immunreaktion gegen körperfremde, eigentlich apathogene Antigene (Allergene) mit der Folge einer akuten Entzündungsreaktion, die u.U. chronifizieren kann» (ViaMedici, 2021).

Allergien können je nach Reaktionstyp in verschiedene Gruppen eingeteilt werden. Bei einer Pollenallergie gehen wir von einer Typ-I Reaktion aus. Diese ist gekennzeichnet durch eine sofortige mehr oder weniger lokale Reaktion. Für eine solche Reaktion müssen unterschiedliche Zellen rekrutiert werden, die unseren Körper verteidigen. Hier relevant sind die Mastzellen. Diese sind wichtig für unser Immunsystem, denn sie rekrutieren auch die neutrophilen Granulozyten zur Bekämpfung von Schädlingen (Immunologie für Jedermann, 2022). Die Mastzellen sind jedoch auch bei Allergien essentiell. Bei einer allergischen Reaktion beispielsweise auf Pollen werden von Mastzellen bestimmte Stoffe ausgeschüttet; ein hier wichtiger Botenstoff ist das Histamin. Dieser wirkt über Rezeptoren auf viele verschiedene Bereiche unseres Körpers. Das Binden von Histamin an einen Rezeptor auf unseren Blutgefässen kann verschiedene Folgen haben: Die Blutgefässe werden erweitert, die Durchlässigkeit von Gefässen wird erhöht oder in der in der Lunge werden die Bronchien verengt, was zu einer erschwerten Atmung führen kann.

Doch wie soll dieser Effekt unserem Körper bei der Bekämpfung von einem fälschlicherweise als schädlich erkannten Stoff helfen? Wir atmen Pollen beispielsweise durch die Nase ein. Die Nase beginnt, Schleim zu produzieren, zuzuschwellen und zu jucken, damit dieser Schädling weniger gut eintreten kann und, falls er schon drin ist, wieder herausbefördert werden kann. Die Verengung in den Bronchien hindert uns am tiefen Einatmen und verhindert so, dass grosse Mengen der Pollen eingeatmet werden.

Therapeutisch gibt es drei Möglichkeiten: Einerseits das Meiden der Allergene, was bei einer Pollenallergie nicht konsequent umsetzbar ist, daneben gibt es spezifische Immuntherapien oder auch symptomatische medikamentöse Therapien. Die spezifische Immuntherapie kennt man auch unter dem Begriff «Desensibilisierung». Bei dieser Therapie wird das Immunsystem sozusagen ”trainiert”. Das Ziel ist es, durch eine stetige Zufuhr kleiner Mengen Allergene eine Toleranz gegen diese zu entwickeln und schlussendlich eine Überempfindlichkeitsreaktion zu unterbinden. Es gibt die Möglichkeit, die verdünnten Allergene in steigender Dosis unter die Haut zu spritzen oder als Tablette unter die Zunge zu legen (AHA, 2022). Eine solche Therapie dauert 2-3 Jahre und muss daher gut durchdacht werden.

Die bekannteste Therapieoption ist vermutlich das Blockieren der H1-Rezeptoren von Histamin. Dadurch können die ausgelösten Symptome verhindert werden. Dafür benutzen wir Antihistaminika in Tablettenform. Die älteren Generationen dieser Medikamente führten zu starker Müdigkeit, da sie anders als die neueren Generationen auch auf das zentrale Nervensystem wirken konnten. Zur neueren Generation gehören beispielsweise Arzneimittel mit dem Wirkstoff Loratadin oder Fexodfenadin, welche die Blut-Hirn-Schranke nicht passieren können und dadurch keine zentral dämpfende Wirkung erreichen können.

Weiter gibt es die Möglichkeit zur lokalen Therapie mit Nasen- oder Augentropfen. Wirkstoffe wie Xylometazolin, Oxymetazolin sind sogenannte alpha1-Sympatomimetika. Das bedeutet, dass sie an Alpha-1-Rezeptoren die Wirkung vom Sympathikus nachahmen. Der Sympathikus ist Teil des vegetativen Nervensystems. Er wird v.a. in Stresssituationen aktiviert und hilft uns bei der Fight-or-Flight-Reaktion. Viele Prozesse werden dadurch ausgelöst, beispielsweise werden Blutgefässe verengt und unser Blutdruck erhöht. In der Nase hat das die Folge, dass die Muskulatur und die Gefässe kontrahieren, was eine abschwellende Wirkung zur Folge hat (DocCheck, 2022).

Für viele Betroffene wirken die oben genannten Methoden zur Bekämpfung von Pollenallergien nur begrenzt. Deshalb ist es sinnvoll, sich an ein paar Grundregeln zu halten, die helfen, den Kontakt mit diesen Allergenen zu minimieren. Einerseits sollte Wäsche nicht im Freien getrocknet werden, damit sich die Pollen nicht darauf festsetzen können. Die Fenster sollten geschlossen bleiben, sofern keine Pollenfilter vorhanden sind. Falls man doch Lüften will, sollte man sich informieren, wann die Pollenlast am kleinsten ist, bspw. in städtischen Regionen zwischen 6:00 und 8:00 Uhr, in ländlichen Regionen eher zw. 19:00 Uhr und Mitternacht. Duschen vor dem Schlafen und das Ablegen der Strassenkleidung ausserhalb des Schlafzimmers ist eine weitere Möglichkeit, Pollenexposition zu minimieren (TopPharm, 2022).

Quellen

AHA: Allergenspezifische Immuntherapie (Desensibilisierung). Abgerufen am 24. Mai 2022, von: https://www.aha.ch/allergiezentrum-schweiz/allergien-intoleranzen/wissenswertes/allergenspezifische-immuntherapie-desensibilisierung

DocCheck: Alpha-Sympathomimetikum. Abgerufen am 24. Mai 2022, von:  https://flexikon.doccheck.com/de/Alpha-Sympathomimetikum?utm_source=www.doccheck.flexikon&utm_medium=web&utm_campaign=DC%2BSearch

MeteoSchweiz: Was Sie über Pollen wissen müssen (2016). Abgerufen am 29. Mai 2022, von: https://www.meteoschweiz.admin.ch/home/klima/klima-der-schweiz/polleninformationen.html

MeteoSchweiz: Polleninformation. Abgerufen am 29. Mai 2022, von:  https://www.meteoschweiz.admin.ch/home/klima/klima-der-schweiz/polleninformationen.html

Immunologie für Jedermann. Das Immunsystem: Mastzellen Wächter und schnelle Boten in der Immunabwehr. Abgerufen am 29.Mai 2022, von: https://das-immunsystem.de/blog/2021/02/05/mastzellen-waechter-und-schnelle-boten-in-der-immunabwehr/

TopPharm: Pollenprognose (29.05.2022). Abgerufen am 29.Mai 2022, von: https://www.toppharm.ch/pollenprognose

ViaMedici: Allergien: Ursachen und Symptomatik. Abgerufen am 24. Mai 2022, von: https://viamedici.thieme.de/lernmodul/8668335/4958536/allergien+ursachen+und+symptomatik#impp

Leandra Ehrat

Studentin Humanmedizin
Medizinische Content-Providerin (MED4LIFE)

Der weibliche Zyklus ist ein komplex reguliertes Phänomen, das sich bei Frauen ab der Pubertät und bis zur Menopause ungefähr alle 28 Tage zyklisch wiederholt. Verschiedene Hormone dienen der Hauptregulation des weiblichen Zyklus. Der weibliche Zyklus ist klinisch sehr wichtig, da fast jede Frau in irgendeiner Form mindestens gelegentlich darunter leidet. Zudem war der Fokus der medizinischen Forschung lange nicht darauf ausgelegt, Beschwerden im Zusammenhang mit der Menstruation zu behandeln. Diese wurden weitläufig als normal anerkannt, was vermutlich insbesondere mit der lange männerdominierten Forschungsbranche zu tun hat. Zum Glück eröffnen sich hier immer mehr Möglichkeiten. Dennoch bleiben Menstruationsbeschwerden komplex zu behandeln, da sie sehr multidimensional und zudem subjektiv sind. Das bedeutet, dass sich die Beschwerden bei Frauen extrem vielfältig äussern. Es gibt auch einige Symptome, bei denen nicht final bestimmt werden kann, ob ein kausaler Zusammenhang zwischen Menstruation und Symptom besteht.

Evolutionär betrachtet ist der weibliche Zyklus ein faszinierendes Phänomen. Der weibliche Körper bereitet sich damit jeden einzelnen Monat auf eine Schwangerschaft vor. Wenn man von ungefähr 400 Zyklen ausgeht und eine Frau zwei Kinder hat, sind die möglichen Schmerzen, die der Zyklus während der Menstruation mit sich bringen kann, also in über 99% der Fälle theorethisch überflüssig! Der weibliche Körper muss sich jedoch jeden Monat gleich auf eine Schwangerschaft vorbereiten, weil es keine Signalmoleküle (Hormone) gibt, die signalisieren, dass keine Befruchtung stattgefunden hat. Zudem wäre der Aufbau der Gebärmutterschleimhaut zu langsam und zu wenig stark, wenn er erst mit der Befruchtung einsetzen würde.

Der weibliche Zyklus besteht genau genommen aus zwei anatomisch getrennten Zyklen, die sich jedoch zeitlich überlagern. Es gibt den ovariellen Zyklus im Eierstock und den endometrialen Zyklus in der Gebärmutterschleimhaut. Diese zwei Komponenten spielen zusammen und sind aufeinander abgestimmt. Im Eierstock reift bekanntlich die Eizelle, die ungefähr am 14. Tag des Zyklus im Rahmen des Eisprungs in den Eileiter abgegeben wird. Nach dem Eisprung ist die Eizelle nur maximal 24 Stunden befruchtungsfähig. Der Weg zum Uterus (= Gebärmutter) dauert für die Eizelle jedoch ungefähr eine Woche. Das bedeutet – was häufig nicht bekannt ist –, dass die Befruchtung, also die Verschmelzung zwischen Spermium und Eizelle nicht in der Gebärmutter, sondern im Eileiter stattfindet. Wenn eine Befruchtung stattfindet, teilt sich die sogenannte Zygote auf dem Weg zum Uterus bereits. Im Uterus nistet sich der etwa eine Woche alte Embryo (in diesem Stadium Morula genannt) dann ein. Die Gebärmutterschleimhaut muss bis zur Ankunft der Eizelle, oder im Falle einer Befruchtung der Morula, perfekt vorbereitet sein, was viel Zeit braucht. Das ist der eigentliche Grund für die Monatsblutung. Der Körper kann nicht erst mit der Schleimhautproduktion zur Aufnahme des Embryos beginnen, wenn die Befruchtung geschehen ist!

Dieses schematische Bild veranschaulicht den ovariellen und den endometrialen Zyklus nebeneinander und zeigt auch die dominanten Hormone sowie ihren Verlauf (bezogen auf die Sekretionsmenge) während des weiblichen Zyklus. Es zeigt zudem auch den Temperaturanstieg um ca. 0.5° nach der Ovulation.

der weibliche Zyklus

Primär regulieren vier Hormone den weiblichen Zyklus. FSH (Follikelstimulierendes Hormon) und LH (Luteinisierendes Hormon) regulieren das Ovar und werden von einer Drüse im Gehirn an das Blut abgegeben. Östrogen und Progesteron, welche als Reaktion auf FSH und LH vom Follikel im Ovar abgegeben werden, wirken unter anderem auf den Uterus. Die Spitzen von LH und FSH um den Eisprung zeigen, dass sie wichtig sind für dessen Regulierung.

Im Ovar wird aus dem Anteil des Follikels, der bei der Ovulation nicht abgegeben wird, der sogenannte Gelbkörper. Er ist gelb, weil er viele Lipide und Cholesterin eingelagert hat. Cholesterin wird benötigt, da es die Ausgangssubstanz von Östrogen und Progesteron ist, welche der Gelbkörper produziert. Bei einer Befruchtung sezerniert der Embryo sehr früh (bereits einige Tage nach der Befruchtung) das sogenannte Humane Choriongonadotropin (=HCG, ein weiteres Hormon). Dieses Hormon wirkt auf den Gelbkörper und bewirkt, dass dieser nicht degradiert. Denn normalerweise, das heisst ohne Befruchtung, degradiert der Gelbkörper analog zur Gebärmutterschleimhaut. Das ist eine weitere Parallele zwischen ovariellem und endometrialem Zyklus.

Das HCG bewirkt also, dass der Gelbkörper bestehen bleibt. Dieser bildet fortan hohe Spiegel von Progesteron, welches wiederum auf die Gebärmutterschleimhaut wirkt. Der Gelbkörper wird etwa bis zur 10. Schwangerschaftswoche benötigt, danach übernimmt die Plazenta die Funktion der Progesteronsekretion. Übrigens ist das HCG auch das Molekül, das für Schwangerschaftstest herangezogen wird, da es nur vom Embryo produziert wird und somit eindeutig auf eine Schwangerschaft schliessen lässt.

Jil Toman

Jil Toman

Student Humanmedizin
Medizinischer Content-Provider (MED4LIFE)

Die postnatale Entwicklung des Gehirns ist aus vielerlei Gründen faszinierend. Das Gehirn ist das Organ, das postnatal, d.h. nach der Geburt, die stärksten Veränderungen durchmacht. Dieser Artikel soll die kindliche Entwicklung des Gehirns beschreiben, Aufschluss über verschiedene Entwicklungsschritte liefern und auch ergründen, was mit dem Gehirn während der Pubertät passiert.

Kinderärzt*Innen wenden etwa einen Viertel ihrer verfügbaren Zeit für Vorsorgeuntersuchungen auf, bei denen die neurologische Entwicklung den Schwerpunkt bildet. Dabei werden zu verschiedenen Zeitpunkten (die Intervalle werden mit zunehmendem Kindsalter grösser) verschiedene Untersuchungen zum aktuellen neurologischen Status des Kindes gemacht. Die erste Vorsorgeuntersuchung erfolgt in der Regel vier Wochen nach der Geburt und umfasst vor allem Bildgebungsverfahren und die Beweglichkeit. Diese Untersuchung hat also nur am Rand mit dem neurologischen Status zu tun. Mit zwei Jahren erfolgt in der Regel eine sehr spielerische Untersuchung, welche den neurologischen Status miteinbezieht. Dort geht es vor allem um die Aufmerksamkeitsfähigkeit und die Wahrnehmung. Klassische Intelligenztests können erst später angewendet werden, daher dient die Untersuchung des Spielverhaltens der Erfassung der geistigen Entwicklung.

Es gibt faszinierende Fakten zur neurologischen Entwicklung von Kindern, die man noch nicht erklären kann. Kinder können beispielsweise erst mit vier Jahren Erinnerungen bilden (traumatische Erlebnisse können schon früher prägend sein). Generell ist das Alter um den Kindergartenbeginn, wenn das Kind also ungefähr vier Jahre alt ist, ein sehr spannendes Alter in Bezug auf die kindliche Entwicklung des Gehirns. Mit vier Jahren beginnen Kinder zum Beispiel, ein Zeitverständnis zu entwickeln. Das Verständnis für Zeitabstände kommt erst später; dieses entwickeln Kinder in der Regel erst mit der Einschulung. Nun stellt sich die Frage, wie sich Kinder, die noch nicht vier Jahre alt sind, zeitlich orientieren. Diese Frage lässt sich durch den sogenannt basalen Zeitbegriff beantworten. Dieser basale Zeitbegriff beschreibt, dass Kleinkinder (<4 Jahre alt) gewisse Zeitabfolgen anhand von Sinneserlebnissen ausmachen. Wenn sie beispielsweise immer vor dem Essen das Geschirr hören und sehen entwickeln sie ein Verständnis dafür, dass es bald Essen gibt. Das ist jedoch eine sehr primitive Auffassung von Zeitabfolgen und die Entwicklung vom basalen Zeitbegriff zur Erfassung effektiver Zeitabstände dauert Jahre.

Zudem bilden sich etwa im Alter von vier Jahren erste Züge von Empathie aus. Ein zwei- oder dreijähriges Kind kann sich bei seinen Handlungen nicht fragen, was das Gegenüber empfindet. Dieses Einfühlungsvermögen kommt erst mit ungefähr vier Jahren. Fachsprachlich beschrieben wird dieser Prozess als ein Übergang von Autonomieentwicklung zur Perspektivenübernahme. Die Perspektivenübernahme meint, dass ein Kind erkennen kann, dass andere Menschen eigene Meinungen, Wünsche oder Interessen haben. Bei der molekularen Entwicklung des Gehirns ist wichtig, dass sich das Gehirn von hinten nach vorne entwickelt und dass sich die Anzahl Neuronen ab der Geburt nicht mehr verändert! Die Anzahl Neuronen bleibt zwar konstant, die Synapsen, also die Verbindungen zwischen Nervenzellen, steigt jedoch massiv an.

Für die Pubertät ist wichtig, dass Synapsendichte und Energieverbrauch direkt proportional zusammenhängen. Was in der Pubertät mit dem Gehirn geschieht, ist das sogenannte „Pruning“. Das Pruning ist ein Prozess, der die Optimierung der synaptischen Verbindungen beschreibt. Im Kleinkindalter muss man sich die Synapsenbildung wucherartig und ineffizient vorstellen. In der Pubertät werden nun überflüssige Synapsen abgebaut und die Effizienz wird gesteigert. Das heisst, dass es ganz viele neue Verknüpfungen im Gehirn gibt; die Anzahl der Verknüpfungen verkleinert sich jedoch insgesamt. Das ist auch wichtig für den Energieverbrauch, der direkt mit der Synapsenzahl zusammenhängt. Man will also gewissermassen einen übertriebenen Energieverbrauch durch unnötige Synapsen vermeiden. Diese Effizienzsteigerung sorgt auch dafür, dass wichtige Synapsen stärker ausgebildet werden können, was nebst der Reduktion der Anzahl einer zweiten Optimierung gleichkommt.

Weiter oben wurde erwähnt, dass sich das Gehirn von hinten nach vorne entwickelt. Dies ist der Grund, weshalb die Sinnesverarbeitung verhältnismässig früh funktioniert, da die Hirnareale für Sehen und Hören weit hinten lokalisiert sind. Die Areale für Motorik jedoch liegen beispielsweise ziemlich in der Mitte. Das ist die Erklärung dafür, dass Kinder erst nach einigen Monaten (ungefähr sechs) eine bewusst gesteuerte und kontrollierbare Motorik besitzen. Zuvor bezeichnet man die Bewegungen als „general movements“, die spontan und nicht bewusst auftreten. Die Hirnrinde ist der Ort des Bewusstwerdens. Das heisst, dass aufgrund der Entwicklungsrichtung die motorische Hirnrinde vor sechs Monaten noch keine Rolle spielt, da sie schlichtweg noch nicht ausgebildet ist.

Jil Toman

Jil Toman

Student Humanmedizin
Medizinischer Content-Provider (MED4LIFE)

Geruch und Geschmack – Olfaktorik und Gustatorik – wurden in der Fachschaft sehr lange getrennt betrachtet. Der vor ungefähr 15 Jahren aufgekommene integrative Forschungsansatz führte jedoch dazu, dass Untersuchungen zu Zusammenhängen zwischen Geruch und Geschmack intensiviert wurden.

Die Riechzone ist im Bereich der oberen Nasenmuschel lokalisiert. Feine Riechnerven gehen durch kleinste Öffnungen der inneren Schädelbasis zur oberen Nasenmuschel. An dessen Ende sind die Sinneszellen mit ihren Rezeptoren lokalisiert. Die Riechstoffe sind im Schleim gelöst und können nur so wahrgenommen werden. Um mehr über den Geschmack zu erfahren, lesen Sie unseren Artikel zur Geschmackswahrnehmung. In diesem wird erklärt, dass der Geschmack eine stark emotionale Komponente besitzt. Dies ist beim Geruch nicht anders. Die emotionale Komponente kommt daher, dass das Olfaktorische Sinnessystem gerade bei heftigen, prägenden Gerüchen ein ausgeprägtes Langzeitgedächtnis besitzt. Riecheindrücke adaptieren jedoch auf Rezeptorebene sehr schnell. Es gibt also eine schnelle De-Sensitivierung der Rezeptormoleküle. Das merken Sie, wenn Sie für längere Zeit einem penetranten Geruch ausgesetzt sind. Zu Beginn ist der Geruch fast betäubend, doch schon nach wenigen Minuten nimmt die Intensität des Geruchs deutlich ab. Die schnelle Adaptation ist auch auf Spüldrüsen zurückzuführen. Diese sorgen dafür, dass gelöste Geruchsstoffe schnell weitergespült werden.

Um den Geruch zu verstehen, braucht es einige Grundlagen zu den Rezeptoren und zur neuralen Verarbeitung. Der Mensch besitzt ungefähr 1000 Geruchsrezeptoren. Diese Rezeptoren gehören zu den spezifischsten überhaupt. Jede Sinneszelle exprimiert nur einen Rezeptortypen. Es gibt mehr Gerüche als Geruchsrezeptoren. Das lässt darauf schliessen, dass ein Geruch keine Einzelerkennung ist. Es ist anatomisch gar nicht möglich, einen einzigen Geruchsstoff zu erfassen und zu bestimmen. Die Geruchswahrnehmung ist immer eine komplexe Zusammensetzung aus mehreren Geruchsmolekülen. Die neurale Verarbeitung des Geruchs erfolgt an zwei Orten. Ein Anteil geht zum sogenannten Uncus; das ist die klassische Verarbeitung des Geruchs. Hervorzuheben ist jedoch auch die Weiterleitung zum Limbischen System. Das ermöglicht eine emotionale Bewertung des Geruches.

Nun sind die Grundlagen zur Olfaktorik erklärt und die Zusammenhänge zwischen Olfaktorik und Gustatorik können vertieft werden. Der erste bereits erwähnte Zusammenhang liegt darin, dass beide Systeme eine ausgeprägte emotionale Komponente haben. Hinzu kommt, dass beide Sinnessysteme evolutionär ein ähnliches Ziel verfolgen, denn beide dienen der Nahrungsauswahl und sind somit gewissermassen “Absicherungssinne“. Wenn eines der beiden Sinnessysteme die Nahrungszufuhr verweigert, wird in der Regel davon abgelassen, da diese Nahrung in der Regel eine Gefahr birgt. Der Geruch dient noch einer weiteren Absicherung: Er ist wichtig bei menschlichen Interaktionen und vollzieht eine meist unbewusste Bewertung des Gegenübers.

Das Zusammenspiel von Geruch und Geschmack kommt durch die anatomische Nähe zustande. Wenn Sie etwas essen, nehmen Sie das Essen vor der Einnahme als Geruch wahr und nur kurze Zeit später als Geschmack. Das Gehirn verarbeitet diese Sinneseindrücke zwar separat, kann sie uns jedoch nicht als separate Informationen vermitteln. Das Gehirn verknüpft also die zuvor getrennt verarbeiteten Sinneseindrücke. Anhand einer leichten Störung lässt sich das enge Zusammenspiel zwischen Geruch und Geschmack nachweisen. Bei einer Erkältung, die eine verstopfte Nase verursacht, schmeckt das Essen sehr fade. Das betrifft aber genau genommen nicht den Geschmack, sondern die Geruchskomponente des Hybrids aus Geschmack und Geruch. Wenn der Geruchsanteil fehlt, verfälscht das die Wahrnehmung des Essens.

Für das Verständnis ist wichtig, dass Geruchsstoffe auch über den Mund zur Riechschleimhaut gelangen können. Das wird ermöglicht durch die hintere Nasenöffnung, die eine Verbindung zum Pharynx bildet. Diese hintere Nasenöffnung heisst Choane. Dies ist der Grund, weshalb man schlechte Gerüche nicht ganz umgehen kann, indem man durch den Mund atmet. Es ist also nicht so, dass Gerüche bei der Nahrungszufuhr nur in der Zeit vor der Einnahme vermittelt werden, sondern auch wenn die Nahrung gekaut wird – durch ebendiese Überleitung von Geruchsstoffen vom Mund in Richtung der Nasenschleimhaut.

Jil Toman

Jil Toman

Student Humanmedizin
Medizinischer Content-Provider (MED4LIFE)

Der Geschmack ist einer unserer Sinne und gilt als einer der vermeintlich weniger wichtigen. Heutzutage ist der Geschmack vor allem mit Emotionen verbunden. Er bringt ein Stück Lebensqualität. Eine rein funktionelle Ernährung ohne Geschmack ist schwer vorstellbar, daher geht ein Verlust des Geschmackes über längere Zeit oft auch mit psychischen Beschwerden einher. Evolutionstechnisch gesehen war jedoch eine andere Funktion ebenfalls zentral: Die Nahrungsauswahl wurde über den Geschmack getroffen. Viele Gifte enthalten Bitterstoffe, welche unangenehm schmecken, daher war der Geschmackssinn in seinem Ursprung auch eine Art “Absicherungssinn“.

Doch auch heutzutage reichen die Funktionen des Geschmackssinns weit über ein angenehmes Empfinden hinaus! Der Geschmacksinn ist nach der Geburt der erste vollkommen funktionstüchtige Sinn. Zwei wichtige Funktionen des Geschmackssinns sind beispielsweise das Auslösen von Verdauungsreflexen und das Auslösen von sogenannten Feed-Forward-Kontrollsystemen. Bei den Verdauungsreflexen wird zwischen Nahen und Entfernten unterschieden. Das hat mit der anatomischen Distanz vom Ursprungsort und dem Ort des Effektes zu tun. Nahe Verdauungsreflexe sind beispielsweise die Speichelproduktion oder ein Würgereiz bei schlechtem Geschmack. Ein entfernter Verdauungsreflex ist einer, der seinen Effekt nicht direkt im Mundraum hat, sondern weiter entfernt, beispielsweise in der Bauchspeicheldrüse. Wenn Sie also etwas Süsses essen und damit Ihre Süss-Rezeptoren auf der Zunge anregen, wird Insulin aus der Bauchspeicheldrüse ausgeschüttet. Insulin senkt den Blutzuckerspiegel.

Dieses sogenannte Feed-Forward-Kontrollsystem hat Vor- und Nachteile. Die Vorteile kommen daher, dass die Bauchspeicheldrüse von der Nahrungszusammensetzung erfährt, lange bevor die Nahrung in den Darm gelangt, und sich so optimal darauf vorbereiten kann. Der grosse Nachteil besteht jedoch darin, dass dieses System getäuscht werden kann. Diese Täuschungsmöglichkeit der Süss-Rezeptoren wird zum Beispiel von Getränkeherstellern, die eine „Zero-Version“ ihres klassischen Getränks verkaufen, ausgenutzt. Diese Versionen enthalten zwar keinen Zucker, jedoch viele andere künstliche Süssungsmittel, welche ebenfalls die Süss-Rezeptoren der Zunge aktivieren und somit eine Insulin-Ausschüttung verursachen. Der Effekt ist in diesem Fall noch stärker, da das Insulin wirkt, es jedoch gar keinen Zucker zu verdauen gibt. Das Resultat ist eine Unterzuckerung (zu tiefer Blutzucker), die Hunger verursacht und schlussendlich den vermeintlichen Vorteil eines „Zero-Getränks“ zunichtemacht.

Es gibt fünf Geschmacksqualitäten: süss, sauer, salzig, bitter und umami. Umami ist eine sehr neue Geschmacksqualität. Das Wort „umami“ kommt aus dem Japanischen und bedeutet Wohlgeschmack. Umami kann am ehesten mit „proteinartig“ beschrieben werden. Ein gutes Steak kommt der Geschmacksqualität vermutlich am nächsten. Allen Geschmacksqualitäten ist gemeinsam, dass sie über Rezeptoren wahrgenommen werden. „Scharf“ ist keine Geschmacksqualität, da Schärfe durch das Triggern von freien Nervenendigungen in der Schleimhaut der Zunge vermittelt wird und nicht über spezifische Rezeptoren. Spannend sind auch die Empfindlichkeitsunterschiede, welche ebenfalls einen evolutionären Hintergrund haben. Die Schwelle für sauer und bitter liegt deutlich tiefer als diejenige für salzig und süss, was damit zu tun hat, dass Gifte vor allem sauer und bitter sind. Für die Geschmacksqualität umami konnte man bis anhin keine Schwelle definieren. Die Rezeptoren sind sehr komplex, lassen sich jedoch generell in zwei Klassen unterteilen. Es gibt Rezeptoren, die Ionenkanäle für die Verarbeitung verwenden, und solche, die komplexe Kaskaden auslösen. Nur „salzig“ und „sauer“ werden durch Ionenkanäle vermittelt.

Bis vor ungefähr zehn Jahren galt die Annahme, dass es für die verschiedenen Geschmacksqualitäten spezifische Geschmackszonen auf der Zunge gibt. Diese Annahme hat sich jedoch als falsch herausgestellt: Die Rezeptoren sind alle diffus verteilt auf der Zunge, was es jedoch gibt, sind Bereiche mit höherer Rezeptordichte (wie beispielsweise an der Zungenspitze und am Zungengrund) und Bereiche mit tiefer Rezeptordichte (wie an der Seite der Zunge). Die Zusammensetzung der Rezeptoren an einem Ort mit hoher Rezeptordichte ist jedoch absolut diffus. Es gibt an der Zungenspitze also Rezeptoren für alle Geschmacksqualitäten.

Jil Toman

Jil Toman

Student Humanmedizin
Medizinischer Content-Provider (MED4LIFE)

Für eine Einführung in die Bodytalk-Methode, lesen Sie meinen Übersichtsartikel: „Bodytalk – Was ist das?“.  In diesem zweiten Teil werde ich noch etwas tiefer gehen und erklären, wie man in einem konkreten Fall spezifisch vorgehen kann, und was dann effektiv im Körper-Geist-Seelen-System eines Menschen passiert, wenn man dieses über Bodytalk adressiert.

Jeder von uns ist mit Symptomen konfrontiert. Sie können physischer wie auch psychischer Natur sein. Symptome erstrecken sich von akut und noch nie dagewesen bis hin zu chronisch gleichbleibend oder sich verstärkend. Viele Symptome verschwinden auch nach einer gewissen Zeit von selbst und kehren vielleicht wieder zurück oder bleiben für immer weg. Oft wissen auch die Ärzte nicht, warum ein Symptom jetzt da ist oder wieder verschwunden ist und was das bedeuten könnte. Das hängt nicht zuletzt damit zusammen, dass wir Ärzte nicht wirklich lernen, die Ursachen – die Sprache – hinter den Symptomen zu erkunden. Der Körper, die Seele oder unser Geist versuchen immer wieder, mit uns in Kontakt zu treten; über die Symptome können sie ein Warn- bzw. Alarmsignal senden. Leider lesen wir diese Signale viel zu wenig und viel zu oberflächlich. Oft begnügen wir uns damit, das Symptom zum Verschwinden zu bringen. Damit wird die Ursache aber nicht behoben, sondern oft einfach verschoben, bis dasselbe oder ein anderes Symptom wieder auftaucht und uns erneut warnt. Je länger wir nicht hinhören, das Symptom verdrängen oder nicht ernst nehmen, desto grösser wird die Wahrscheinlichkeit, ernsthaft zu erkranken.

Über die Methodik von Bodytalk wird die Klientin oder der Klient aufgefordert, hinzuschauen und das Symptom ernst zu nehmen sowie die Zusammenhänge zu erkennen und in Balance zu bringen. Die Klientin oder der Klient erzählt in aller Regel vor der Sitzung, welche Beschwerden sie oder ihn plagen. Während der Sitzung wird über das unten angefügte Protokoll abgefragt, welche Bereiche blockiert oder unterbrochen sind, wo die Kommunikation stockt und was verbunden und geheilt werden möchte.

Bodytalk-Protokoll

Um die individuellen Bereiche zu finden, arbeitet die Therapeutin oder der Therapeut mit der Methode des Muskelfeedbacks. Dieses steht für das autonome Nervensystem, das mit der inneren Weisheit jedes Menschen verbunden ist und entsprechende Antworten liefern kann. Über das Abfragen entlang der im Protokoll vorgeschlagenen Wege und Themenbereiche ergibt sich eine Art Formel, die für jeden Menschen hoch-individuell und spezifisch ist.

Fallbeispiel:

Eine 60-jährige Dame kommt mit verdicktem Sternoklavikulargelenk, dem Gelenk zwischen Schlüsselbein und Brustbein, zum Bodytalk. Es tut nicht weh, aber sie greift immer wieder an die Stelle, weil es sie verunsichert und weil sie Angst hat, dass „etwas Schlimmes“ daraus entstehen könnte, sprich ein Tumor. Sie möchte wissen, was das bedeutet und ob sie zur Abklärung eine Ärztin oder einen Arzt aufsuchen sollte.

Als ich sie darauf hinweise, dass das Symptom ja auf der rechten und männlichen Seite besteht, fällt es ihr wie Schuppen von den Augen und sie erzählt mir die Geschichte einer verlorenen Liebe, die vor 9 Monaten zu Ende ging. Der Partner habe oft seine Hand auf ihrem Brustbein (Herz-Chakra = Herz-Energie-Zentrum) gelegt, was sie entspannt einschlafen liess. Als er fortging, habe sie den Knoten entdeckt, als sie versuchte, über das eigene Handauflegen zur Ruhe zu kommen. Wir finden also eine aktive Erinnerung eines Verlusts, der noch wehtut. Der Partner hat die Frau verlassen, was das Selbstwertgefühl der Klientin massiv beeinträchtigt hat; sie fühlt sich hässlich und minderwertig. Dies drückt sich auch in ihrer Haltung aus. Der Oberkörper ist blockiert und nicht symmetrisch, was das besagte Gelenk rechts stärker hervortreten lässt und als Knoten erscheinen lässt. Beim weiteren Nachfragen kommt zum Vorschein, dass dies zusätzlich an alte Muster und Glaubenssätze gekoppelt ist, da nun Erfahrungen mit Abwertung und mangelnder Selbstliebe hochkommen, die sie schon als junge Frau und als Kind gemacht hat.

Indem wir den Zusammenhang herstellen, den Schmerz über den Verlust und die Abwertung sichtbar machen und ihm den gebührenden Raum geben, können wir die Dysbalance auflösen und die Klientin kommt wieder ins Gleichgewicht. Sie erkennt, dass sie an ihrem Selbstwert arbeiten darf. Erkannte Muster und Glaubenssätze verlieren an Brisanz und lösen sich nach einiger Zeit auf. Sie kann den physischen Prozess unterstützen, indem sie den Knoten liebevoll berührt und sich eingesteht, dass es schmerzhaft ist und sie sich abgewertet fühlt. Dies wird sie vermutlich noch einige Zeit machen müssen bis die Auflösung erfolgt, da diese Art von Arbeit immer prozesshaft stattfindet.

Wir sehen also, dass die Symptome über das autonome Nervensystem gelesen werden können und uns die Organe, Körperteile und Emotionen – aber auch andere Teilbereiche wie Meridiane oder andere Modalitäten – die nötigen Hinweise dafür liefern, was wir lösen und frisch vernetzen dürfen. Diese Arbeit in die Tiefe durch Bodytalk ist sehr heilsam, da sich der Mensch ehrlich und intensiv mit sich auseinandersetzt. Dazu braucht der Mensch auch Mut und sollte liebevoll und achtsam begleitet werden.

Quelle

Bild: Fortgeschrittenes Bodytalk-Protokoll. International Bodytalk Association: www.the-bodytalk-system.eu. 

Dipl. med. Andrea Bieler Bühler

Dipl. med. Andrea Bieler Bühler

Leiterin Komplementärmedizin (MED4LIFE)